Braunschweig (epd). Mal liegt das Geld unter der Fußmatte, mal zwischen den Seiten eines Gesangbuches, mal schlicht im Briefkasten. Ein bislang unbekannter Wohltäter überrascht die Menschen in und um Braunschweig seit Monaten mit großzügigen Spenden. Seit November wurden bereits 200.000 Euro anonym für soziale Zwecke verschenkt. Während die Region rätselt, wer dahintersteckt, wissen Experten: Der edle Spender gibt nicht nur, er tut sich auch selbst etwas Gutes. Und klar ist auch, dass der Wohltäter Zeitung liest.
Zuletzt tauchten 1.950 Euro in einem Umschlag mit der Aufschrift "Spende" im Briefkasten der evangelischen Propstei Helmstedt östlich von Braunschweig auf, ergänzt durch einen Zeitungsartikel. Im Text waren die Worte "karitative Zwecke", "Projekte gegen Kinderarmut" und "zur Unterstützung sozial schwacher Familien" unterstrichen. Ähnlich wurden bisher Kindergärten, eine Suppenküche, ein Hospiz, die Opferhilfe und Kindertagesstätten gefördert. Meist ging aus einem Artikel der "Braunschweiger Zeitung" der Adressat der Spenden hervor, die auch schon mal fünfstellig waren.
Braunschweigs Beauftragter gegen Kinderarmut, der frühere evangelische Propst Armin Kraft, spricht von einer "neuen Version des Wohltäters". Mit möglicherweise alten Motiven, wie der Berliner Philosoph und Wissenschaftsautor Stefan Klein darlegt. Denn altruistische Motive, also uneigennütziges Handeln, gehören nach seinen Worten genauso wie der Egoismus zur genetischen Grundausstattung des Menschen. "Wer selbstlos handelt, hat weniger Angst und ist weniger stressempfindlich, das zeigen neuropsychologische Studien", argumentiert Klein.
Wer gut zu anderen ist, dem geht es selbst besser, fasst der Bestsellerautor zusammen, der seine Thesen in seinem jüngsten Buch "Der Sinn des Gebens" erläutert. "Wenn wir uns um das Wohl anderer kümmern, werden im Kopf Hormone wie Opioide und Oxytocin ausgeschüttet, die uns euphorisch stimmen und auch beim Sex eine wichtige Rolle spielen", sagt Klein. Die Hormone lieferten eine Erklärung, warum Altruisten gesünder seien: "Beide dämpfen die Ausschüttung des Stresshormons Cortisol und beugen so Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Infektionen vor. Denn chronischer Stress schädigt die Blutgefäße und behindert das Immunsystem."
Der katholische Sozialethiker Friedhelm Hengsbach liefert allerdings eine kritische Sicht auf die bundesweit wachsende Lust am Stiften. Spenden seien auch nicht gezahlte Steuern, wendet der Jesuitenpater und Wirtschaftsexperte ein: "Zuerst sollten die Menschen für ihre Arbeit ordentlich entlohnt und Steuern gezahlt werden."
Aber darüber brauchen sich die Braunschweiger keinen Kopf zu machen, denn der unbekannte Wohltäter kann seine Spenden schließlich nicht steuersenkend geltend machen. Viele in der Region hoffen, dass das "Wunder von Braunschweig" noch eine Weile anhält.
Seit Monaten unterstützt ein anonymer Spender soziale Projekte. Foto: pixelio / Damm



